Kinder zurück in die Babyphase

Kleinkinder machen in ihrer Entwicklung oftmals große Sprünge. Eltern freuen sich umso mehr, wenn der Nachwuchs endlich keine Windel mehr benötigt, seine ersten Sätze vor sich hin babbelt oder selbstständig essen kann. Wenn sich der Sprössling allerdings in eine Babyphase zurückfällt, also wieder eine Windel tragen möchte oder zum Schlafen den Schuller, sind Eltern öfters besorgt und suchen auf Ratgeberportalen die notwendige Hilfe. Matthias Müller-Guth vom SOS-Familienzentrum Berlin-Hellersdorf hat darauf eine Antwort. Die Gründe sind sehr vielfältig und können entsprechen individuell ausfallen.

Grund 1: Aufmerksamkeit
Die eigene Familie oder jemand im nahen Umfeld hat beispielsweise ein Baby bekommen. Das Kind steht nicht mehr im Mittelpunkt. Sie sehen wie der Nachwuchs bemuttert und gepflegt wird. Um die Zuneigung zurückzugewinnen und mehr Fürsorge zu erhalten, kann das „Babysein“ wieder interessant werden.

Das Thema beschäftigt das Kind so sehr, dass sie auch wieder gerne ein Baby sein und auch so behandelt werden möchten. Anstatt auf die Toilette oder auf Töpfchen zu gehen, wird das Geschäft nur noch in die Windel gemacht. Das einschlafen geht nicht mehr ohne Schnuller, anstatt selbstständig zu laufen will das Kind wieder in den Kinderwagen.

Man sollte sich fragen, ob das Kind vielleicht überfordert ist oder ob es sich vernachlässigt fühlt. Möglicherweise spürt das Kind die Konkurrenz eines kleineren Geschwisterchens und versuche daher, mit denselben Mitteln mehr Aufmerksamkeit von Mama und Papa zu erhalten.

Grund 2: Entwicklungsschub
Eine andere Möglichkeit ist der anstehende Entwicklungsschub, der die Babyphase wieder auslösen kann. Vor dem „Groß werden“ haben viele Kinder Angst, wegen der damit verbundenen Trennung der Mutter. „Bevor Kinder eine neue Stufe in ihrer Entwicklung und damit auch mehr Selbstständigkeit erreichen, werden sie manchmal noch einmal besonders anhänglich”, erklärt Müller-Guth. So eine Zeit könne für Kinder sehr verunsichernd sein. Indem sie sich noch einmal ganz klein machen, versicherten sie sich des Schutzes ihrer Eltern. Altersgerechte Zuwendung ist für das Kind deshalb sehr wichtig.

„Man kann ruhig auch ein größeres Kind mal wieder auf den Schoß nehmen und füttern, wenn es sich das wünscht”, so Müller-Guth weiter. Eltern sollten damit eher spielerisch umgehen und gewisse Grenzen aufzeigen. Es sollte und muss eben nur ein Spiel sein. Das Kind benötigt eine altersgerechte Aufmerksamkeit. „Besonders kleinere Kinder helfen auch gerne mit. So kann man sie beispielsweise bei der Betreuung des Geschwisterchens einbeziehen”, so der Diplom-Psychologe.

Grund 3: Ablenkung
Nicht auszuschließen ist auch, dass das Kind von einer Situation ablenken möchte, beispielsweise von einem Streit zwischen den Eltern, der Trauer in einem Todesfall oder einem Umzug in einer neuen Umgebung. Hilfreich ist es, dem Kind zu erklären, weshalb es gerade weniger Aufmerksamkeit bekommt und es nichts falsch gemacht hat.

Für Eltern die Schwierigkeiten mit dem babyhaften Verhalten ihres Kindes haben, kann auch eine Erziehungsberatungsstelle helfen. Experten finden die Ursache und geben den Eltern oft eine andere Sicht auf die Dinge, um einen individuelle Lösung zu finden.

Grund 4: Kindergarten
Wie beim Nachwuchs in der Familie, kann eine ähnliche Situation auch im Kindergarten ausgelöst werden. Zum Beispiel, wenn neue Kinder in die Gruppe kommen. Sie wollen dann auch wieder am Tisch gefüttert werden, sprechen nur noch in Babysprache und anstatt zu laufen, wird nur noch gekrabbelt.

Eltern sollten dies als ein gewisses Rollenspiel betrachten und die Wünsche des Kindes erstmal erfüllen. Nachdem das „Baby“ beispielsweise die Milch aus dem Fläschchen ausgetrunken hat oder gefüttert wurde, sollte man es nach ein paar Minuten durch ein Codewort wie „Happy Birthday“ wieder groß werden lassen.

Sollte dies nicht funktionieren, muss man konsequent alle Sachen verbieten, die große Kinder gerne machen. Anstatt das Lieblingsessen, gibt es für das Kind nur Babybrei und anstelle von Fernsehen, muss das Kind früh ins Bett oder muss Mittagsschläfchen machen. Oftmals verfliegt die Babyphase schnell wieder.